Warum sage ich “Ja”, obwohl ich “Nein” denke?
Kontext und Situation: Eine Abteilung eines Unternehmens steht unter hoher Arbeitslast. In vorherigen Workshops hat sich herausgestellt, dass die eigentliche Arbeitslast okay ist. Aber: Sie werden häufig von anderen unterbrochen, sie wissen viel, arbeiten in einer Schnittstellen-Funktion, geben Informationen weiter. Sie unterstützen alle gerne, aber es gibt auch die Tendenz “Dinge mal eben schnell selbst zu machen” anstatt sie jemand anderem zu erklären. Vor allem, wenn sie gebeten werden. Außerdem haben sie den Eindruck häufiger Fragen zu beantworten, die eigentlich auch anderweitig beantwortet werden können.
Ich begleite diese Abteilung bereits seit Januar 2023. Wir sehen uns alle 4-6 Wochen zu restrospektiven-artigen Workshops im Rahmen der agilen Transformation.
Der Workshop findet remote statt. Wir nutzen Teams und ein Miro-Board.
Der Ablauf
Jeder Workshop startet mit einem kurzen Check-In. In diesem Fall habe ich mich für die Frage entschieden: “Wenn du jetzt eine neue Schreibtischschublade finden würdest, in der alles, wirklich alles sein kann, was wäre drinnen?”
Die Antworten waren vielfältig. Von einem Tee über Flugtickets bis hin zu konkreten Menschen.
Im Anschluss habe ich zunächst einmal erklärt, was Innere Antreiber grundsätzlich sind: Glaubenssätze, die uns von innen heraus treiben und unsere Verhaltensweisen bestimmen (oft auch unbewusst).
Um sich den inneren Antreiber anzunähern, habe ich die Teilnehmenden einen Selbsttest machen lassen. Wichtig war mir, dass sie die Ergebnisse nicht miteinander teilen müssen. Natürlich können sie dies, aber wie viel jede Person mit den anderen teilen möchte, bleibt immer noch jeder Person selbst überlassen.
Nach Durchführung des Tests habe ich das Modell der inneren Antreiber mit seinen fünf Antreibern vorgestellt. Dabei habe ich versucht, Folgendes in den Fokus zu rücken: Die inneren Antreiber sind nicht schlecht — sie machen uns auch zu dem Menschen, der wir sind. In ganz vielen Situationen sind sie wunderbare Helferlein, weil sie uns antreiben und dafür sorgen, dass wir bestimmte Dinge auf eine bestimmte Art tun. Es gibt allerdings Situationen in denen blockieren sie uns vielleicht eher. Gerade, wenn sie unbewusst wirken, bringen sie uns zu Verhaltenweisen, die in einer Situation nicht hilfreich sind.
Auch kommt es immer auf die jeweilige Ausprägung und Mischung an.
Im nächsten Schritt durften sich die Teilnehmenden mit folgenden Leitfragen in beliebige Gruppen aufteilen:
Was/welche Verhaltenweisen könnt ihr an euch beobachten?
Was passt zum Testergebnis? Was vielleicht nicht?
Welche Gedanken möchtet ihr mit den anderen teilen?
Die Ergebnisse der Gruppenarbeit waren sehr vielfältig. Eine Gruppe konnte mit dem Modell nichts anfangen und hat auch den Test als eher wenig hilfreich empfunden. Andere haben sich im Testergebnis und möglichen Ausprägungen der inneren Antreiber intensiv wiedergefunden. Und wieder andere waren nachdenklich, ob sich überhaupt etwas verändern lässt.
Nach dem Austausch der Gruppen habe ich zunächst die Erlauber vorgestellt. Jedem inneren Antreiber stehen verschiedene Erlauber gegenüber. Wir können diese nutzen, wenn uns unsere inneren Antreiber bewusst sind und wir versuchen wollen, in konkreten Situationen unser eigenes Verhalten zu ändern.
Antreiber: Sei perfekt!
mögliche Erlauber: “Ich darf Fehler machen!”, “Ich gebe mein Bestes und das ist gut genug!”, “Ich bin gut genug, so wie ich bin!”
Antreiber: Sei stark!
mögliche Erlauber: “Ich darf meine Wünsche mitteilen!”, “Ich darf um Hilfe bitten!”, “Ich darf Gefühle zeigen!”
Antreiber: Sei gefällig!
mögliche Erlauber: “Ich darf Nein sagen!”, “Die längste + wichtigste Beziehung ist die mit mir selbst!”, “Meine Bedürfnisse und Wünsche sind mir auch wichtig!”
Antreiber: Sei schnell!
mögliche Erlauber: “Ich darf mir Zeit nehmen!”, “Gras wächst nicht schneller, nur weil man daran zieht!”, “Ich darf Pausen machen!”
Antreiber: Streng dich an!
mögliche Erlauber: “Es darf auch leicht gehen!”, “Meine Kraft gehört mir!”, “Auch Leichtes ist wertvoll!”
Die Erlauber können zu neuen inneren Glaubenssätzen werden, aber hierbei handelt es sich um einen mehr oder minder langwierigen Prozess. Zunächst können sie uns in der Reflexion helfen, bis wir dazu in der Lage sind, sie auch in konkreten Situationen innerlich aufzusagen.
Um den Raum für mögliche Handlungsalternativen noch weiter zu öffnen, habe ich einen Perspektivwechsel eingebaut. Die Frage war: “Wenn wir aus der Perspektive von Kolleg*innen oder der Organisation schauen, wie sieht die Situation dann aus?” Aus den Ergebnissen haben wir folgende Inhalte abgeleitet:
Für mein Gegenüber funktioniert “das System”. Ich sage “Ja”. Es gibt keinen Grund für mein Gegenüber, beim nächsten Mal anders zu handeln.
Mein Gegenüber kann nicht in mich hineinschauen und erraten, wenn ich eigentlich “Nein” denke.
Zusammenarbeit besteht immer aus Aktion und Reaktion — sie ist abhängig voneinander.
Die Unternehmenskultur beeinflusst auch die eigene Haltung: “Wir machen das hier so.”
Wer ein System verändern möchte, muss das eigene Verhalten ändern — wir sind alle Teil davon.
Die Reflexion der Teilnehmenden war sehr intensiv. Es gab viel Austausch über die eigenen Antreiber, Ansichten und Handlungen. In einem letzten Schritt habe ich die Teilnehmenden gebeten, alltagstaugliche Ideen zu finden und zu überlegen, wie sie sich auch gegenseitig unterstützen können. Neben üben oder Mut haben nein zu sagen gab es auch ganz konkrete Ideen. Z.B. das Vorhaben, bei jeder zusätzlichen Aufgabe in Zukunft zu fragen, bis wann sie erledigt sein soll, und ob es die Möglichkeit gibt, sie gemeinsam zu erledigen oder aufzuteilen.
Eine weitere Sache, die sich die gesamte Abteilung gemeinsam vorgenommen hat: Wertschätzendes Feedback an diejenigen zu geben, die eine “Ja-Sage”-Tendenz haben und dann in den konkreten Situationen gemeinsam zu schauen, wie diese aufgelöst werden kann.
Die Reflexion
Ich hatte im Vorfeld geplant den Workshop in Präsenz zu machen. Aufgrund unterschiedlicher Umstände mussten wir doch auf remote ausweichen. Ich bleibe dabei: Das Thema funktioniert in Präsenz besser. Das heißt nicht, dass es so nicht gut war. Ich finde es aber viel schöner, wenn die Menschen mit all ihrer Reflexion und Emotion in einem Raum sitzen.
Mit dem Wissen von heute würde ich die Kleingruppen zum Austausch anders einteilen. Vielleicht hätte eine der “ich halte davon nichts”-Personen noch einen anderen Blickwinkel erhalten. (Bitte nicht falsch verstehen, das ist vollkommen in Ordnung und wurde auch in diesem Workshop so angenommen. Aber manchmal ist ja durch die Perspektiven anderer vielleicht doch mehr für einen drin, als man auf den ersten Blick sieht.)
In unserem Team-Workshop “Wie wir ticken” könnt ihr euch im Team aktiv mit euren individuellen inneren Antreibern auseinandersetzen und euch selbst sowie euer Team besser kennenlernen.