„Wir brauchen keine Retros mehr!“ – Was steckt hinter der Retro-Müdigkeit?
In agilen Teams gehören Retrospektiven oft zum festen Ritual. Doch irgendwann kommt der Punkt, an dem ein Team die Retro in Frage stellt: „Bringt uns das überhaupt noch etwas?“ oder „Wir reden doch eh immer über dasselbe.“ Diese Retro-Müdigkeit ist ein ernstzunehmendes Signal. Doch bevor Retros ganz abgeschafft oder nur noch halbherzig durchgeführt werden, lohnt es sich, tiefer zu schauen: Woher kommt dieses Gefühl — und was kann das Team daraus lernen?
Routine als Auslöser für Ermüdung
Wenn sich eine Retro über Monate hinweg nach dem gleichen Schema abspult, kann das Gefühl aufkommen, dass sie nichts Neues mehr bringt. Das Team hat das Gefühl, auf Autopilot zu laufen. Antworten wiederholen sich, Probleme bleiben vage oder führen zu Maßnahmen, die im Alltag verpuffen.
Eine einfache Lösung wäre es, das Format zu wechseln. Doch oft liegt das Problem tiefer: Vielleicht gibt es keine relevanten Themen mehr, weil sich das Team stabil entwickelt hat. Oder es gibt Themen, die bewusst oder unbewusst gemieden werden. In beiden Fällen kann es sinnvoll sein, eine bewusste Retro-Pause einzulegen oder die Retro gezielt mit neuen Fragen herauszufordern:
Was würde passieren, wenn wir die Retro für sechs Wochen aussetzen?
Über welche Themen sprechen wir nie, obwohl sie wichtig wären?
Wie ehrlich sind wir in unseren Retros wirklich?
Wenn Retros den falschen Fokus haben
Ein weiterer Grund für Retro-Müdigkeit ist, dass die Erwartungen nicht mehr mit dem Nutzen übereinstimmen. Manche Teams erleben Retros als Problem-Sammelstellen, aus denen eine endlose Liste von Aufgaben resultiert. Andere nutzen sie eher als Wohlfühlveranstaltung, ohne konkrete Veränderungen anzustoßen. Beide Extreme können dazu führen, dass die Retro ihren eigentlichen Zweck verliert.
Statt sich zu fragen „Brauchen wir Retros noch?“, kann eine bessere Frage sein: „Was erwarten wir eigentlich von einer guten Retro?“ Vielleicht geht es nicht immer um das Definieren von Maßnahmen, sondern vielmehr darum, regelmäßig bewusst in den Meta-Modus zu wechseln:
Wie nehmen wir unsere Zusammenarbeit gerade wahr?
Haben wir das Gefühl, uns als Team weiterzuentwickeln?
Was würde uns wirklich weiterhelfen?
Wenn diese Fragen im Raum stehen, kann sich die Retro wieder lohnen — unabhängig davon, ob am Ende konkrete To-dos entstehen.
Wann es Zeit ist, Retros anders zu gestalten
Nicht jedes Team braucht alle zwei Wochen eine klassische Retro. Gerade in eingespielten Teams kann es sinnvoll sein, die Frequenz oder das Format anzupassen:
Strategische Retros: Statt nur über die letzten zwei Wochen zu sprechen, einmal pro Quartal reflektieren: „Wo stehen wir als Team? Was hat sich langfristig verändert?“
Thematische Retros: Statt immer die gleichen Fragen zu stellen, gezielt auf einzelne Aspekte fokussieren, etwa Entscheidungsprozesse, psychologische Sicherheit oder Teamrollen.
Beobachtungs-Retros: Statt Maßnahmen zu beschließen, gezielt auf ein Muster achten und es in der nächsten Retro gemeinsam auswerten.
Manchmal ist die beste Entscheidung aber auch, für eine Weile bewusst auf Retros zu verzichten — solange es eine bewusste Entscheidung ist, die nicht einfach aus Müdigkeit heraus geschieht und ganz klar zeitlich begrenzt wird.
Retro-Müdigkeit ist nicht das Ende von Reflexion, sondern ein Signal, dass es Zeit für Veränderung ist, weil das Format nicht zum aktuellen Bedarf passt. Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass Reflexion nicht mehr nötig ist — nur dass sie anders gestaltet werden muss. Ob das eine Anpassung der Retro, eine Pause oder eine neue Herangehensweise bedeutet, hängt vom Team ab. Vielleicht hilft auch weniger To-do-Stress, mehr echtes Nachdenken und bewussteres Beobachten. Wichtig ist, den eigentlichen Grund für das Unbehagen herauszuarbeiten und nicht einfach weiterzumachen, nur weil es immer so war.