Retrospektiven neu denken: Jenseits von „Was lief gut, was lief schlecht?“

Retrospektiven gehören zu den wirkungsvollsten Werkzeugen in agilen Teams — zumindest in der Theorie. In der Praxis laufen sie oft nach Schema F ab: „Was lief gut? Was lief schlecht?“ Die Antworten? Meist vorhersehbar. „Zu viele Meetings“, „Kommunikation könnte besser sein“, „Mehr Fokus wäre gut“. Und dann? Nicken, Maßnahmen festhalten — und nach zwei Wochen ist alles wieder vergessen.

Spätestens dann, wenn wir die obigen Phänomene wahrnehmen können, ist es Zeit, Retros neu zu denken. Weg von Standardfragen, hin zu echten Aha-Momenten.

Systemische Muster sichtbar machen

Systemische Muster bleiben oft unsichtbar, wenn nur Symptome diskutiert werden. Aussagen wie „Wir haben wieder zu viele Tickets angefangen“ oder „Unsere Dailys sind nicht effizient“ zeigen nur die Oberfläche. Wer wirklich etwas verändern will, muss die Strukturen dahinter erkennen.

Ein Team-Soziogramm hilft, informelle Kommunikationswege sichtbar zu machen. Wer tauscht sich regelmäßig aus? Wo entstehen Informationsengpässe? Ein weiterer Ansatz ist die Analyse zyklischer Probleme. Welche Themen tauchen immer wieder in den Retros auf? Ein Blick auf die letzten sechs Monate kann Muster aufdecken. Auch der gezielte Perspektivwechsel schafft Klarheit. Was würde ein neues Teammitglied sagen? Was würde die Person auf Anhieb sehen? Wie würde ein Kunde die Zusammenarbeit bewerten?

Emotionen bewusst einbeziehen

Viele Teams reden über Prozesse, aber nicht über Gefühle. Dabei beeinflussen Emotionen jede Entscheidung und jede Interaktion.

Eine Gefühlslandkarte macht emotionale Muster sichtbar. Jedes Teammitglied markiert, wie es sich im letzten Sprint gefühlt hat: von energiegeladen bis frustriert. Dies kann auch auf einem Zeitstrahl visualisiert werden. Eine andere Möglichkeit ist Mini-Storytelling. Statt Listen abzuarbeiten, erzählen alle eine kurze Geschichte aus dem letzten Sprint. Wann war der Tiefpunkt? Wann gab es einen Aha-Moment? Auch Metaphern helfen, Emotionen greifbar zu machen. „Wenn unser Team ein Tier wäre, welches wäre es — und warum?“ Diese Fragen öffnen Räume für neue Erkenntnisse. Auch wenn sie sich gerade am Anfang irgendwie komisch anfühlen.

Die Kraft der Stille nutzen

Viele Retrospektiven sind Redemarathons. Doch echte Erkenntnisse entstehen oft erst, wenn Stille zugelassen wird.

Eine Möglichkeit, den Redemarathon mal zu unterbrechen, ist die schweigende Reflexion. Es wird eine Frage gestellt, danach halten alle erst einmal ihre eigenen Gedanken ausführlich schriftlich fest, bevor der Austausch beginnt.
Das Silent-Retro-Format geht noch weiter: Hier wird nur mit Post-its oder digitalen Whiteboards gearbeitet — ohne dass die geschriebenen Inhalte zusätzlich erläutert werden dürfen.

Ein meditativer Einstieg kann ebenfalls helfen, den Fokus zu schärfen. Eine Minute die Augen schließen, durchatmen, an den Sprint zurückdenken. Das klingt ungewohnt, verändert aber die Qualität der Reflexion.


Retrospektiven sollten nicht dazu dienen, die immer gleichen Probleme zu dokumentieren. Sie sind ein Raum für mutige Gespräche, neue Blickwinkel und echte Veränderungen. Wer sich traut, von klassischen Fragen abzuweichen und Emotionen, Muster und Stille gezielt einsetzt, wird schnell merken, dass Retros viel mehr bewirken können als bloße Prozessoptimierung.

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„Wir brauchen keine Retros mehr!“ – Was steckt hinter der Retro-Müdigkeit?