Die dunkle Seite der Retrospektiven: Wann Reflexion mehr schadet als nützt

Retrospektiven sollen Teams helfen, sich weiterzuentwickeln. Sie bieten Raum für Reflexion, ehrliche Gespräche und Verbesserungen. Doch nicht jede Retro erfüllt diesen Anspruch. In manchen Teams verstärken Retros eher Frustration, führen zu Schuldzuweisungen oder zementieren bestehende Probleme, statt sie zu lösen. Wann wird Reflexion toxisch, und wie lässt sich das verhindern?

Problem-Trance: Wenn sich Teams im Kreis drehen

Manche Teams besprechen in jeder Retro dieselben Themen: „Unsere Meetings sind zu lang.“ „Wir brauchen bessere Kommunikation.“ „Wir müssen mehr Fokuszeiten schaffen.“ Und trotzdem ändert sich nichts. Das sorgt für Frust und lässt Retros als nutzlose Zeitverschwendung erscheinen.

Hinter solchen Wiederholungen steckt oft eine unbewusste Problem-Trance. Das Team erkennt zwar ein Problem, hat aber entweder nicht den richtigen Hebel gefunden oder hält unbewusst an einer Dynamik fest, die das Problem erhält. Eine entscheidende Frage kann helfen: „Was hindert uns wirklich daran, dieses Thema zu lösen?“ Manchmal ist das Problem gar kein Problem, sondern ein akzeptabler Zustand. Manchmal braucht es Mut, tiefer zu graben.

Wenn Retrospektiven Konflikte verschärfen

In einem gesunden Team sind Retros ein sicherer Raum. Doch manchmal kippt die Atmosphäre: Kritik wird persönlich, bestimmte Teammitglieder fühlen sich angegriffen oder ziehen sich zurück. Oft geschieht das nicht bewusst, sondern schleichend, durch unterschwellige Kommentare oder ungleiche Redeanteile.

Hier kann es helfen, sich an ein einfaches Prinzip zu halten: Niemand spricht über andere, sondern nur über sich selbst. Statt „Die Entwickler sollten …“ oder „Das Management müsste …“ sollte es heißen: „Ich erlebe es so …“ oder „Mir fällt auf …“. Auch Formate, die Perspektivwechsel fördern, helfen: Zum Beispiel eine Retro, in der Teammitglieder bewusst aus einer anderen Rolle heraus reflektieren, z. B. „Wie würde ein Kunde diese Diskussion sehen?“

Retrospektiven sind nicht der Ort, an dem Konflikte gelöst werden sollten. Denn nur selten ist das gesamte Team Teil eines Konflikts — kommt es in der Retro zu Spannungen, weil einzelne in unausgesprochenen Konfliktverhältnissen miteinander stehen, so ist dieser Konflikt in einem gesonderten Setting zu klären. Die Retrospektive soll dem Team dienen. Die gerne angewandte Haltung “Störungen haben Vorrang” darf hier nur gelten, solange sich der Zweck der Retrospektive nicht dadurch verändert, dass einzelne sie zur Schaubühne eines Konflikts machen, den sie bisher nicht lösen konnten. Die ganz klare Empfehlung lautet: Für die Konfliktlösung gibt es einen gesonderten, moderierten Termin, in dem sich die Parteien austauschen können. In der Retro hat er nichts verloren. Die Konfliktparteien können in solchen Fällen gern selbst entscheiden, ob sie dazu in der Lage sind, weiterhin konstruktiv an der Retro teilzunehmen oder ob sie diese lieber verlassen.

Wenn Maßnahmen nur auf dem Papier existieren

Ein weiteres Zeichen für problematische Retros: Es werden Maßnahmen beschlossen, die niemand wirklich ernst nimmt. „Wir müssen besser kommunizieren“ oder „Wir sollten mehr Feedback geben“ klingen gut, bleiben aber folgenlos. Manchmal liegt das daran, dass die Maßnahmen zu groß oder zu abstrakt sind. Manchmal auch daran, dass es eine unausgesprochene Übereinkunft gibt, dass sich sowieso nichts ändert.

Hier hilft die Frage: „Was ist die kleinste, testbare Veränderung, die wir wirklich ausprobieren?“ Ein kleines Experiment – etwa „In den nächsten zwei Wochen geben alle allen anderen mindestens einmal Feedback“ – ist oft wirksamer als große, unkonkrete Vorsätze.


Nicht jede Retro ist hilfreich. Wenn sich Probleme endlos wiederholen, wenn ungelöste Konflikte die Atmosphäre vergiften oder wenn Maßnahmen nur noch symbolisch beschlossen werden, ist es Zeit innezuhalten. Manchmal muss sich nicht das Team verändern, sondern die Art, wie Retros geführt werden. Und manchmal ist die wichtigste Erkenntnis einer Retro nicht eine neue Maßnahme, sondern die Entscheidung, bestimmte Themen anders anzugehen oder vielleicht sogar ruhen zu lassen.

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03/2025: Retros, die wirklich etwas bewegen – statt nur noch mehr To-dos

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Die unsichtbaren Muster hinter Teamdynamiken aufdecken