Der Barnum-Effekt – Warum sich Persönlichkeitstests so treffend anfühlen

„Das Ergebnis passt ja perfekt zu mir!“ So denken viele, nachdem sie einen Persönlichkeitstest durchgeführt haben. Besonders beliebt ist der Myers-Briggs Typenindikator (MBTI), der uns Menschen in 16 Persönlichkeitstypen einteilt. Doch auch andere Modelle wie die Inneren Antreiber und das Riemann-Thomann-Modell erfreuen sich großer Beliebtheit (auch wir arbeiteten bisher damit). Die Ergebnisse dieser Tests wirken oft erstaunlich präzise. Doch genau hier lauert die psychologische Falle: der sogenannte Barnum-Effekt.

Was ist der Barnum-Effekt?

Der Barnum-Effekt beschreibt das Phänomen, dass Menschen allgemeingültige Aussagen über ihre Persönlichkeit als erstaunlich genau und individuell empfinden. Dieser Effekt ist nach dem amerikanischen Schausteller P.T. Barnum benannt, der für seine Fähigkeit bekannt war, Menschen durch vage und allgemeine Aussagen zu faszinieren. Ein typisches Beispiel wäre: „Du hast ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung, bist aber auch gerne unabhängig.“ Solche Aussagen treffen auf viele Menschen zu, werden aber oft als sehr persönlich empfunden.

Der Barnum-Effekt und der Myers-Briggs Typenindikator

Wie passt der Barnum-Effekt nun zum Myers-Briggs Typenindikator? Ganz einfach: Der MBTI arbeitet mit sehr allgemeinen Kategorien, die so formuliert sind, dass sie auf die meisten Menschen zutreffen. Wenn du zum Beispiel als „INFJ“ beschrieben wirst, könnte die Beschreibung deiner Persönlichkeit als „introvertiert, idealistisch, empfindsam und zielorientiert“ dir sehr präzise erscheinen. Doch diese Merkmale sind so allgemein gehalten, dass sie sich auf viele Menschen anwenden lassen.

Studien zeigen, dass Menschen dazu neigen, Aussagen über ihre Persönlichkeit als treffender zu empfinden, wenn sie glauben, dass diese auf einem Test basieren – selbst wenn die Aussagen tatsächlich willkürlich oder sehr allgemein sind. Das ist der Kern des Barnum-Effekts. Der MBTI nutzt dies unbewusst aus, indem er allgemeine Aussagen so formuliert, dass sie individuell erscheinen, obwohl sie keine wissenschaftlich fundierte Grundlage haben.

Der Barnum-Effekt bei den Inneren Antreibern und dem Riemann-Thomann-Modell

Wie sieht es mit den Inneren Antreibern und dem Riemann-Thomann-Modell aus? Auch hier ist der Barnum-Effekt relevant. Beide Modelle bieten vereinfachte und allgemeine Beschreibungen von Persönlichkeitsmerkmalen, die auf viele Menschen zutreffen können.

Bei den Inneren Antreibern erhält man Aussagen wie „Du hast einen starken inneren Drang, perfekt zu sein“ oder „Du fühlst dich oft gedrängt, es allen recht zu machen“. Solche Aussagen sind allgemein genug, um bei vielen Menschen eine Resonanz zu finden. Der Barnum-Effekt verstärkt die Wahrnehmung, dass diese Aussagen genau auf die eigene Person zutreffen, obwohl sie in Wirklichkeit sehr breit gefasst sind.

Das Riemann-Thomann-Modell beschreibt Persönlichkeiten entlang der Dimensionen Nähe, Distanz, Dauer und Wechsel. Auch hier sind die Beschreibungen oft so gestaltet, dass sich viele Menschen darin wiedererkennen können. Aussagen wie „Du schätzt Beständigkeit, hast aber auch das Bedürfnis nach Veränderung“ wirken präzise, sind aber in ihrer Allgemeinheit typisch für den Barnum-Effekt.

Warum ist das ein Problem?

Der Barnum-Effekt kann dazu führen, dass wir diese Modelle und Tests als präziser und wissenschaftlich fundierter wahrnehmen, als sie tatsächlich sind. Besonders in beruflichen Kontexten, wo solche Modelle zur Teamentwicklung oder Persönlichkeitsanalyse verwendet werden, kann dies zu Fehleinschätzungen führen. Die Gefahr besteht darin, dass man sich und andere in starre Kategorien einordnet, die nicht unbedingt der Realität entsprechen.

Was können wir daraus lernen?

Viele vermeintlich einleuchtende Modelle können nützliche Werkzeuge im Coaching oder der Persönlichkeitsentwicklung sein, sollten aber mit Vorsicht genossen werden. Der Barnum-Effekt zeigt uns, dass die scheinbare Präzision dieser Tests oft trügerisch ist. Es ist wichtig, diese Modelle kritisch zu hinterfragen und zu erkennen, dass ihre Aussagen häufig so allgemein gehalten sind, dass sie auf fast jeden zutreffen könnten.

Ein Argument, das oft zugunsten von Persönlichkeitstests angeführt wird, ist, dass sie zumindest als Gesprächsöffner dienen können. Sie bieten eine einfache, zugängliche Möglichkeit, über persönliche Vorlieben und Verhaltensweisen ins Gespräch zu kommen und Reflexion anzustoßen. Das ist an sich nicht schlecht – denn jede Form der Selbstreflexion kann potenziell wertvolle Einsichten liefern. Doch das Problem liegt darin, dass viele Menschen diese Testergebnisse für bare Münze nehmen. Sie sehen die Ergebnisse nicht als Ausgangspunkt für ein Gespräch, sondern als definitive Aussagen über ihre Persönlichkeit. Dadurch wird eine Tür geöffnet, die zu Esoterik und pseudowissenschaftlichen Vorstellungen führen kann, wo unkritisch Glauben statt wissenschaftliches Hinterfragen dominiert. Dies kann nicht nur zu Missverständnissen führen, sondern auch zu einer verzerrten Selbstwahrnehmung und Entscheidungsfindung, die auf unsicheren Grundlagen basiert.

Ob beim Myers-Briggs Typenindikator, DISC, den Inneren Antreibern oder dem Riemann-Thomann-Modell – in allen Fällen sollten wir uns bewusst sein, dass die wahrgenommene Genauigkeit oft auf der Allgemeinheit der Aussagen beruht und nicht auf einer wissenschaftlich fundierten Analyse. Ein kritischer Blick hilft, die tatsächliche Aussagekraft dieser Tests richtig einzuordnen und fundiertere Entscheidungen zu treffen.

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09/2024: Zwischen Wissenschaft und Esoterik

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Ein kritischer Blick auf Innere Antreiber und Riemann-Thomann – Warum wir neue Wege gehen