Führungskräfte sind auch nur ein Team

Viele (interne) agile Coaches und Scrum Master*innen scheuen sich davor, mit Führungskräften zu arbeiten. Sie haben Vorbehalte, zögern, diese Teams zu begleiten, und fühlen sich manchmal nicht kompetent genug. Es entsteht die Sorge, nicht „genug“ zu sein, weil diese Personen in der Hierarchie über ihnen stehen oder weil man das Gefühl hat, dass Führungskräfte doch „anders“ sind als die Teams, mit denen man sonst arbeitet.

Aber hier ist die Wahrheit: Eine Gruppe von Führungskräften ist auch nur ein Team. Und wie jedes andere Team auch, kann es die Unterstützung und Begleitung eines erfahrenen Coaches brauchen.

Vorbehalte und Ängste: Warum wir uns oft unsicher fühlen

Es ist nicht ungewöhnlich, dass Coaches und Scrum Master*innen Hemmungen haben, wenn es darum geht, Führungskräfte zu coachen. Die Gründe dafür sind vielfältig:

- Hierarchie: Viele Coaches empfinden eine natürliche Distanz zu oder gar Respekt vor Personen, die in der Unternehmenshierarchie „über“ ihnen stehen. Die Sorge, nicht ernstgenommen zu werden oder nicht „auf Augenhöhe“ agieren zu können, kann hemmen.

- Selbstzweifel: Es kann sich die Frage einschleichen: „Bin ich wirklich kompetent genug, um Führungskräfte zu coachen?“ Diese Selbstzweifel können dazu führen, dass Coaches sich zurückhalten anstatt ihre Expertise einzubringen.

- Rollenverständnisse: Führungskräfte haben oft ein anderes Rollenverständnis und sind es gewohnt, Entscheidungen zu treffen und Personen anzuleiten. Das kann zu Unsicherheiten bei Coaches führen, die fürchten, dass ihre Expertise im agilen Coaching möglicherweise nicht so anerkannt wird.

Das Missverständnis: Führungskräfte als „unberührbare“ Gruppe

Doch es gibt einen fundamentalen Denkfehler in dieser Sichtweise. Führungskräfte mögen in der Hierarchie „höher“ stehen, aber sie sind letztlich auch nur Menschen, die in einem Team zusammenarbeiten müssen, um gemeinsam Ziele zu erreichen. Und wie jedes andere Team auch haben sie oft mit den gleichen Herausforderungen zu kämpfen: fehlende Kommunikation, unklare Rollenverteilungen, Konflikte, die nicht offen angesprochen werden, und Schwierigkeiten, gemeinsame Entscheidungen zu treffen.

In der Tat könnte es sogar so sein, dass Führungskräfte noch weniger Coachingkompetenz haben, gerade weil sie so sehr in ihrer Rolle als Entscheider*innen gefangen sind. Sie sind es gewohnt zu führen, zu entscheiden und zu lenken, aber nicht unbedingt im Team zu agieren, sich zurückzunehmen und den Raum für kollektive Intelligenz zu öffnen.

Als agile Coaches und Scrum Master*innen sollten wir uns bewusst machen, dass Führungskräfte-Teams oft genauso viel, wenn nicht sogar mehr Unterstützung benötigen als andere Teams. Ihre Arbeit ist komplex, und die Dynamiken innerhalb eines Führungsteams sind oft besonders herausfordernd. Hierarchien und Machtstrukturen können die Zusammenarbeit erschweren, und es ist nicht ungewöhnlich, dass Führungskräfte in ihrer eigenen Rolle gefangen sind und Schwierigkeiten haben, offen und kollaborativ miteinander zu arbeiten.

Hier kommt unsere Expertise ins Spiel. Wir bringen Fähigkeiten mit, die in diesen Teams oft fehlen: die Fähigkeit, Kommunikation zu fördern, Konflikte konstruktiv anzugehen, Rollen klar zu definieren und einen Raum für echte Zusammenarbeit zu schaffen. Diese Fähigkeiten sind für jedes Team entscheidend, egal ob es sich um ein Entwicklerteam, ein Marketingteam oder ein Führungskräfteteam handelt.

Den Blickwinkel ändern: Führungskräfte als Coach annehmen

Der Schlüssel liegt darin, den Blickwinkel zu ändern. Anstatt Führungskräfte als „besonders“ oder „anders“ wahrzunehmen, sollten wir sie als das sehen, was sie sind: ein Team, das unsere Unterstützung braucht. Unser Job als Coach ist es, dieses Team in seiner Zusammenarbeit zu stärken, genauso wie wir es bei jedem anderen Team auch tun würden.

Natürlich erfordert das ein gewisses Maß an Mut und Selbstvertrauen. Es erfordert, dass wir unsere eigenen Vorbehalte überwinden und uns klar machen, dass unsere Expertise wertvoll ist – unabhängig davon, mit wem wir arbeiten. Denn letztlich geht es nicht darum, wer in der Hierarchie wo steht, sondern darum, wie gut ein Team zusammenarbeitet und seine Ziele erreicht.


Führungskräfte sind auch nur ein Team – und Teams brauchen immer mal wieder Coaches. Anstatt uns von Hierarchien einschüchtern zu lassen, sollten wir uns auf das konzentrieren, was wir am besten können: Teams dabei zu helfen, besser zusammenzuarbeiten — egal, wer in diesem Team sitzt.

Als agile Coaches und Scrum Master*innen haben wir die Werkzeuge, die Führungskräfteteams brauchen, um effektiver zu werden. Wir müssen uns nur trauen, sie auch anzuwenden. Denn am Ende des Tages sind wir die Expert*innen für Teamentwicklung – und das gilt für jedes Team, das uns begegnet.


Teamentwicklung und agiles Coaching lernst du unter anderem in unserer Online-Ausbildung zum agile Coach.

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