Warum ich manchmal uneins bin – das Modell des Inneren Teams

Vielleicht kennt ihr das: Es gibt Situationen, in denen man in sich hineinhorcht und mehrere Stimmen wahrnimmt, die scheinbar unterschiedliche Dinge wollen. Genau so ging es mir, als ich darüber nachgedacht habe, ob ich die Werbe-E-Mail für die Agile Coach Ausbildung verschicken sollte. Es fühlte sich an, als würden verschiedene Teile in mir miteinander ringen. Willkommen im Modell des Inneren Teams von Friedemann Schulz von Thun.

Was ist das Innere Team?

Das Innere Team beschreibt die verschiedenen inneren Stimmen oder Anteile, die in uns allen wirken. Diese Stimmen stehen für unterschiedliche Bedürfnisse, Werte oder Überzeugungen. Manchmal sind sie harmonisch, aber oft widersprechen sie sich auch, und das macht Entscheidungen schwieriger. All diese Teile sind diese Anteile eines größeren Ganzen – unseres Selbst.

Mein inneres Team während der Entscheidungsfindung

Als ich über die Werbe-Mail nachgedacht habe, meldeten sich gleich mehrere innere Stimmen zu Wort. Da war zum Beispiel:

Die Idealistin: „Du musst doch keine Werbung machen. Deine Arbeit spricht für sich, das reicht!“

Die Sachliche: „Aber Julia, es gibt freie Plätze, und es ist okay, darüber zu informieren. Das ist nichts Verwerfliches.“

Die Selbstzweiflende: „Was, wenn die Leute das aufdringlich finden? Du willst doch nicht so rüberkommen, oder?“

Die Mutige: „Manchmal muss man halt raus aus der Komfortzone. Du wächst daran.“

Diese Stimmen hatten alle recht. Jede von ihnen brachte wichtige Punkte ein, aber sie widersprachen sich auch. Am Ende musste ich sie in einen Dialog bringen, um eine Entscheidung zu treffen. Das ist die Kernidee des Inneren Teams: Wir müssen unsere inneren Stimmen ins Gespräch bringen, um zu einer klaren Haltung zu finden.

Warum das Innere Team im Coaching so wertvoll ist

Im Coaching arbeite ich oft mit Teams, aber auch mit Einzelpersonen. Das Modell des Inneren Teams eignet sich hervorragend, um Klarheit zu schaffen. Es hilft, die verschiedenen Stimmen in uns zu identifizieren und zu verstehen, was sie wollen. Denn erst, wenn wir diese Stimmen alle gehört haben, können wir eine stimmige Entscheidung treffen – eine Entscheidung, bei der wir nicht das Gefühl haben, dass wir einen Teil von uns übergehen.

Dazu kommt: Arbeiten wir in einem Teamkontext, treffen verschiedene innere Teams aufeinander. Unklarheit, Meinungslosigkeit oder auch Zerrissenheit kann entstehen — in uns selbst und in Kombination untereinander. In einem richtig guten Team, geprägt durch Lösungsorientierung, kann diese innere Zerrissenheit formuliert werden. Die Individuen erhalten so die Chance, die Sitzung ihres inneres Teams nach außen zu zeigen. Sie müssen nicht ad hoc A oder B sagen, wenn dies gar nicht ihren inneren Ansichten entspricht. Sie können ihre Unklarheit oder Unentschlossenheit genauso darlegen, wie sie aussieht. Dafür aber muss jedes Individuum Raum und Zeit bekommen, die inneren Stimmen zu sortieren — und es braucht ausreichend psychologisch sicheren Raum, diese Stimmen dann auch zu präsentieren.


Ich habe mich letztlich entschieden, die E-Mail zu verschicken. Mein inneres Team hat sich darauf geeinigt, dass es in Ordnung ist, gelegentlich Werbung zu machen, solange sie zu mir passt. Der Prozess, die verschiedenen Stimmen zu hören und ihnen Raum zu geben, war entscheidend. Und genau das ist es, was ich auch im Coaching immer wieder erlebe: Wenn wir lernen, unser inneres Team zu verstehen, treffen wir klarere Entscheidungen und können im Außen besser agieren.

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