11/2024: Biases in der Zusammenarbeit

Hej,

Biases, unsichtbare Muster, oder ganz schlicht: Vorurteile. Oft sind sie uns gar nicht bewusst, und trotzdem wirken sie – manchmal subtil, manchmal ganz offensichtlich. In diesem Newsletter geht es darum, wie diese unbewussten Muster unsere Zusammenarbeit prägen und was wir tun können, um sie im Team zu entlarven.


Ein kurzer Hinweis: Entgegen bisheriger Newsletter habe ich mich entschieden, diesen in einer anderen Form zu verfassen. Ihr findet alle Newsletter-Artikel nun direkt im Newsletter. Wieso? Mir war danach :) Gebt gerne Rückmeldung, welches Format euch besser gefällt.


Biases in der Zusammenarbeit – verdeckte Interpretationen in jedem Team

„Ach, ich beurteile das objektiv.“ Dieser Satz sollte uns skeptisch werden lassen. Denn was wir sicher über Wahrheit und Objektivität wissen, ist: Wir alle sind durch unbewusste Biases geprägt. Ob wir wollen oder nicht, unser Gehirn nimmt Abkürzungen, um Entscheidungen zu treffen – und das kann die Zusammenarbeit im Team beeinflussen.

Biases wie der Bestätigungsfehler (Confirmation Bias), eine (unbewusste) kognitive Verzerrung, bei der wir bevorzugt Informationen wahrnehmen und interpretieren, die unsere bestehenden Überzeugungen und Annahmen stützen. Anstatt offen für neue, möglicherweise widersprüchliche Informationen zu sein, suchen wir unbewusst nach Bestätigungen für das, was wir bereits glauben oder wissen – und blenden Gegenteiliges aus. Dies führt dazu, dass wir ein verzerrtes Bild der Realität bekommen, da uns wichtige Informationen entgehen könnten. Ein Beispiel dafür ist eine Teamdiskussion, in der sich jemand fest auf eine bestimmte Lösung eingeschossen hat. Diese Person neigt dann dazu, nur die Argumente zu hören und zu sammeln, die für diese Lösung sprechen, während kritische Punkte oder alternative Ansätze weniger Aufmerksamkeit bekommen. Der Confirmation Bias kann so die Entscheidungsqualität im Team erheblich beeinträchtigen, da er zu einseitigen Lösungen und Denkweisen führt. Indem wir uns dieser Tendenz bewusst werden, können wir aktiv gegensteuern, beispielsweise indem wir gezielt nach abweichenden Meinungen/Argumenten fragen oder uns herausfordern, die Situation auch aus anderen Perspektiven zu betrachten. So schaffen wir eine differenziertere Sichtweise und fördern eine ausgewogenere, offenere Diskussion im Team.

Eine weitere gute Methode ist die Rolle des „Advocatus Diaboli“: Jemand übernimmt bewusst die Aufgabe, Gegenargumente und alternative Sichtweisen einzubringen - wichtig ist natürlich, dass dies bitte nicht immer die gleiche Person ist.

Der Affinity Bias – oft auch als Ähnlichkeits-Bias bezeichnet – beschreibt unsere Tendenz, Menschen, die uns ähnlich sind, intuitiv zu bevorzugen. Diese unbewusste Voreingenommenheit zeigt sich beispielsweise darin, dass wir uns schneller mit Personen verbinden, die ähnliche Hintergründe, Interessen oder Werte wie wir haben. Das kann dazu führen, dass wir ihnen unbewusst mehr Vertrauen entgegenbringen, ihren Ideen eher zustimmen und sie positiv bewerten, während wir andere Perspektiven, die nicht in unser gewohntes Bild passen, eher übersehen oder unterschätzen. Im Team kann der Affinity Bias problematisch sein, da er die Vielfalt an Meinungen und Ansätzen einschränkt. Wenn wir uns nur mit Gleichgesinnten austauschen, laufen wir Gefahr, andere Perspektiven zu übersehen und innovative Ideen auszubremsen. Ein bewusster Umgang mit diesem Bias bedeutet, aktiv auf Meinungen und Beiträge von Kolleg*innen zu achten, die nicht den eigenen Denkweisen entsprechen. So fördern wir eine Arbeitskultur, in der sich alle, unabhängig von ihrer Persönlichkeit oder ihrem Hintergrund, gleichermaßen wertgeschätzt fühlen und zum Erfolg des Teams beitragen können.

Diskussionen und Projektteams sollten so gestaltet werden, dass Mitglieder mit unterschiedlichen Hintergründen zusammenarbeiten. Auch formelle Feedbackrunden, in denen alle Beteiligten ihre Ideen einbringen, können dabei unterstützen, persönliche Vorlieben eher außer Acht zu lassen.


Entscheidungen im Team – Manchmal trügt das Bauchgefühl

Wir alle kennen das wohl: Ein Vorschlag wird gemacht, und das Bauchgefühl sagt uns sofort, ob wir dafür oder dagegen sind. So hilfreich unser Bauchgefühl in vielen Lebenslagen auch ist – in der Zusammenarbeit kann es auch fehlleiten. Denn es ist oft das Ergebnis unserer Biases.

Nehmen wir den Status-quo-Bias: Dieser beschreibt unsere Neigung, den aktuellen Zustand als sicher und angenehm zu betrachten und Veränderungen zu vermeiden. Das liegt in unserem psychologischen Grundbedürfnis nach Stabilität und Sicherheit: Was vertraut ist, erscheint uns oft besser und weniger riskant. Im Team zeigt sich dieser Bias häufig darin, dass etablierte Abläufe und Strukturen auch dann beibehalten werden, wenn sie eigentlich nicht mehr optimal sind. Entscheidungen für Veränderungen oder Innovationen werden oft als Bedrohung empfunden oder mit Sätzen wie „Das haben wir schon immer so gemacht“ abgetan. Dieser Bias kann Fortschritt blockieren, da das Potenzial für Verbesserungen oder kreative Ansätze häufig im Keim erstickt wird. Ein bewusster Umgang mit dem Status-quo-Bias im Team erfordert, dass wir regelmäßig hinterfragen, ob der aktuelle Zustand wirklich noch der Beste ist. Eine hilfreiche Strategie ist es, in regelmäßigen Reflexionen gezielt nach neuen Ideen oder Vorschlägen zu fragen und offen über mögliche Vorteile und Risiken von Veränderungen zu sprechen. So lernen wir, aus gewohnten Denkmustern auszubrechen und das Bestehende stetig weiterzuentwickeln. Dabei sollten wir vor allem auch immer mal wieder ganz bewusst ausgefallene Ideen oder eher absurde Lösungen erkunden, damit wir neue Perspektiven auf unsere Vorgehensweisen entwickeln und dem Status-quo-Bias wirklich entkommen.


Feedback ohne Filter – Biases in der Rückmeldungskultur

Feedback ist ein mächtiges Werkzeug, um Teams weiterzuentwickeln – vorausgesetzt, es wird offen und ehrlich gegeben. Doch Biases können auch hier eine Rolle spielen und beeinflussen, wie wir Rückmeldung geben und empfangen.

Der Negativity Bias beschreibt die Tendenz unseres Gehirns, negative Informationen stärker wahrzunehmen und zu speichern als positive. Evolutionär bedingt half uns diese Voreingenommenheit, Gefahren schnell zu erkennen und zu vermeiden. Heute jedoch kann dieser Bias im Arbeitsalltag hinderlich sein. In einem Teamkontext kann der Negativity Bias dazu führen, dass wir uns in Feedbackgesprächen stärker auf Fehler und Defizite konzentrieren, anstatt die Erfolge und Stärken unserer Kolleg*innen zu sehen. Selbst kleine Probleme oder Kritikpunkte können dadurch überproportional groß wirken, während positive Entwicklungen oft weniger beachtet werden. Dieser Bias kann zu einem Klima führen, in dem sich Teammitglieder unzureichend wertgeschätzt fühlen und sich vor allem auf ihre Schwächen fokussieren. Um den Negativity Bias auszugleichen, können wir uns angewöhnen, gezielt auch die positiven Aspekte und Erfolge unserer Kolleg*innen und des Teams wahrzunehmen und anzusprechen. Durch ein bewusstes Gleichgewicht aus Lob und konstruktivem Feedback fördern wir eine Zusammenarbeit, in der sich jeder im Team unterstützt und wertgeschätzt fühlt – und die Stärken aller Mitglieder zur Geltung kommen.

Gleichzeitig müssen wir natürlich aufpassen, auch weiterhin kritische Punkte zu benennen und keine künstlichen Feedback-Sandwiches zu bauen, die eh niemand so richtig glaubt. Doch, wer davon in der Grundhaltung immer wieder denkt: Es ist sowieso alles nicht gut genug oder gar schlecht, der/die ist vermutlich dem Negativity Bias erlegen.

Eine weitere hilfreiche Methode ist das „Feedforward“, bei dem das Team bewusst Stärken und zukünftige Potenziale anspricht, anstatt sich nur auf vergangene Fehler zu konzentrieren. Eine andere Möglichkeit ist, Erfolge im Team regelmäßig zu feiern, um den Fokus auch auf positive Entwicklungen zu lenken. Durch eine gezielte Wertschätzungskultur werden Erfolge sichtbar und die Motivation im Team gestärkt.

Biases sind ein Teil unseres Alltags, ob wir wollen oder nicht. Doch sie müssen kein Hindernis für erfolgreiche Zusammenarbeit sein. Mit Reflexion, Mut zur Selbstkritik und dem Bewusstsein für unsere eigenen (unbewussten) Vorannahmen können wir Biases als das erkennen, was sie sind: Herausforderungen, die uns daran erinnern, dass Teams umso stärker sind, je vielfältiger ihre Perspektiven sind.


Habt eine gute Zeit!

Fragen, Anmerkungen oder Kaffee? Schreibt gerne!


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