Zielraum? Wer? Was?
Es ist Montagmorgen und du betrittst das Büro, natürlich bereit für den geplanten Strategie-Workshop. Aber das Thema heute: “Unser Zielraum”. Du wirfst einen heimlichen Blick auf die vorbereiteten Flipcharts und merkst – es geht irgendwie um das „Was“, auch um das „Wie“ und das “Wer” spielt auch noch eine Rolle.
Warum eigentlich ein agiler Zielraum?
Bevor wir uns in die Details stürzen, lass uns kurz klären, warum ein agiler Zielraum überhaupt wichtig ist. Agilität lebt von Flexibilität und Anpassungsfähigkeit. Ein definierter Zielraum gibt uns die Freiheit, innerhalb bestimmter Leitplanken kreativ und eigenverantwortlich zu agieren, ohne die übergeordneten Unternehmensziele aus den Augen zu verlieren. Es ist wie beim Bergsteigen: Das Basislager gibt Sicherheit und Orientierung, der Gipfel das Ziel, aber den Weg dorthin wählen wir flexibel, je nach Bedingungen.
Der Ausgangspunkt: Die agilen Prinzipien
Die zwölf agilen Prinzipien des Manifests bieten eine ausgezeichnete Grundlage für die Definition unseres Zielraums. Sie helfen uns, unsere Werte und Ziele in konkrete Handlungsrahmen zu übersetzen.
Der Prozess: Vom Prinzip zur Praxis
1. Prinzipien identifizieren – Zu Beginn identifiziert ein Team die für die Organisation wichtigsten agilen Prinzipien. Welche Prinzipien sind besonders relevant? Welche Werte sollen bei uns in den Vordergrund rücken?
2. Eigene Worte finden – Mithilfe der für uns bedeutendsten Prinzipien formulieren wir eigene Sätze. Sätze, die sich für uns richtig und wichtig anfühlen. Die das sagen, was wir genau meinen und nicht einfach von jemand anderem geschrieben worden sind. Ein Beispiel gefällig?
Das agile Prinzip Nr. 10 sagt: “Einfachheit — die Kunst, die Menge nicht getaner Arbeit zu maximieren — ist essenziell.” In anderen Worten lautet es: “Wir vereinfachen unsere Arbeit durch die Kunst des Weglassens.” Auf den ersten Blick mögen beide Sätze sehr ähnliche Dinge aussagen. Der entscheidende Unterschied: Der zweite Satz wurde von einer Organisation selbst formuliert. Selbst formulierte Zielräume sind viel tragfähiger, weil sie besser im Gedächtnis bleiben und voraussetzen, dass sich mit ihrem Inhalt wirklich auseinandergesetzt wurde.
Wichtig: Weder ist ein solcher Zielraum statisch (er sollte regelmäßig anhand von Feedback und neuen Erkenntnissen einem kritischen Review unterworfen werfen), noch sollte er aus mehr als vier Sätzen bestehen — kann sich dann eh keiner merken.
3. Ziele definieren — Wo möglich, werden aus diesen Prinzipien konkrete Ziele abgeleitet. Diese sollten inspirierend und herausfordernd sein, aber auch klar und möglichst messbar. Zum Beispiel: „Wir wollen die Kundenbindung durch regelmäßige, wertvolle Releases um 20% steigern.“ Gleichzeitig gilt hier anfangs auch Mut zur Lücke. Euch fällt nichts Konkretes ein? Also erstmal weglassen. Ganz pragmatisch nach dem Grundsatz: Kommt Zeit, kommt Rat.
4. Leitplanken definieren — Bestehende Rahmenbedingungen und Vorgehensweisen, innerhalb derer sich die Teams bewegen können, werden benannt. Diese Leitplanken geben Orientierung und Sicherheit, lassen aber genügend Spielraum für Kreativität und Eigenverantwortung.
Ein Beispiel aus der Praxis
Stell dir vor, folgende Prinzipien sind im Fokus des Zielraums:
- Kundenorientierung – Wir verpflichten uns, eng mit unseren Kunden zusammenzuarbeiten, um deren Bedürfnisse besser zu verstehen und schneller zu erfüllen.
- Flexibilität und Anpassungsfähigkeit – Wir schaffen Prozesse, die schnelle Änderungen und Anpassungen ermöglichen.
- Autonome Teams – Teams erhalten die Freiheit, ihre Arbeitsweise selbst zu gestalten und Entscheidungen eigenverantwortlich zu treffen.
Auf Basis dieser Prinzipien setzen wir unser konkretes Ziel: „Die Time-to-Market bis Ende des Jahres um 50% zu reduzieren.“ Die Leitplanken könnten dabei Folgendes umfassen:
- Feedback-Schleifen – Regelmäßige Kundenfeedback-Runden, um frühzeitig auf Änderungen reagieren zu können.
- Team-Autonomie – Teams haben die Entscheidungsfreiheit über Tools und Methoden, um die beste Lösung zu finden. Aber: Alle Anforderungen und Anpassungen müssen transparent dokumentiert sein.
Der Zielraum als Kompass
Ein gut definierter agiler Zielraum ist kein starres Regelwerk, sondern ein dynamischer Kompass, der uns die Richtung weist und gleichzeitig genug Freiheiten lässt, um kreativ und flexibel zu agieren. Indem wir die agilen Prinzipien als Grundlage nutzen, schaffen wir einen inspirierenden Rahmen, den wir auf unsere konkreten Vorstellungen und Belange anpassen können. Ein guter Zielraum sorgt dafür, dass wir direkt nach seiner Definition erste Schritte benennen können, die uns auf den Weg Richtung Zielraum bringen.