Müssen Retrospektiven immer ein Action-Feuerwerk sein?

Retrospektiven sind für viele Teams Alltag: gemeinsam zurückschauen, reflektieren, besser werden. Doch oft schleicht sich eine unausgesprochene Regel ein: Eine Retro ohne neue Maßnahmen ist eine vertane Chance. Keine Action Items? Keine Maßnahmen? Dann haben wir wohl nicht tief genug gegraben.

Aber ist das wirklich so? Oder geht es manchmal eher darum, sich bewusst Zeit für Reflexion zu nehmen — ohne direkt ins Handeln zu stürzen?

Wenn „besser werden“ zum To-do-Stress wird

Viele Teams denken, dass aus jeder Retro mindestens ein bis drei neue Verbesserungsmaßnahmen kommen müssen. Schließlich geht es um kontinuierliche Weiterentwicklung, oder? Doch genau dieser Druck kann auch zu Problemen führen:

  • Es entsteht Aktionismus: Maßnahmen werden beschlossen, nur um „etwas zu tun“.

  • Es kann frustrierend sein, wenn Maßnahmen aus vorherigen Retros noch nicht umgesetzt wurden.

  • Es geht oft zu schnell in den Lösungsmodus, ohne das Problem wirklich zu verstehen.

Das führt dazu, dass sich Teams eher damit beschäftigen, ob eine Maßnahme „groß genug“ ist, anstatt wirklich zu reflektieren, was sie gerade brauchen.

Wann keine Maßnahmen die beste Maßnahme ist

Es gibt Retrospektiven, an deren Ende keine konkreten To-Dos stehen. Und das ist völlig okay. Drei Situationen, in denen das sogar sinnvoll sein kann:

Wenn es erstmal ums Verstehen geht
Nicht jedes Problem braucht sofort eine Lösung. Manchmal reicht es, sich einig zu werden, was denn eigentlich los ist.
Beispiel: Das Team merkt, dass es ständig Kontextwechsel hat. Aber statt sofort Maßnahmen festzulegen („Wir brauchen mehr Fokuszeiten!“), nimmt sich das Team Zeit, erst einmal die Ursachen zu analysieren. Die Maßnahmen können dann beim nächsten Mal folgen. Sie adressieren so die echten Ursachen und nicht nur das oberflächliche Problem.

Wenn Erfolge gefeiert werden
Retros sind nicht nur dazu da, Probleme zu finden. Manchmal ist es wichtiger, sich bewusst zu machen, was gut läuft.
Beispiel: Das Team reflektiert, wie es trotz hoher Belastung gut zusammengearbeitet hat. Keine To-Dos: nur Anerkennung.

Wenn es um bewusstes Beobachten geht
Statt sofort eine lösungsorientierte Maßnahme festzulegen, kann es helfen, als Maßnahme erstmal auf ein Muster zu achten.
Beispiel: Das Team stellt fest, dass Dailys oft länger als 15 Minuten dauern. Aber bevor es eine Regel ändert, will es erstmal beobachten, ob das wirklich ein Problem ist oder vielleicht sogar hilft.

Wie du deine Retro entschleunigen kannst

Falls eure Retros zu reinen To-do-Schleudern geworden sind, könnt ihr die Retro mal anders gestalten und folgendes ausprobieren:

  • „Was haben wir heute verstanden?“ statt „Was müssen wir tun?“

  • „Worauf wollen wir achten?“ statt „Was ändern wir sofort?“

  • Andere Retro-Formate: Fokussiert euch mal nur auf Erfolge, Werte oder Dynamik im Team.


Nicht jede Retro muss in einem Action-Feuerwerk enden. Manchmal ist die wichtigste Erkenntnis das gemeinsame Verstehen. Oder ein Moment der Wertschätzung. Oder ein bewusster Blick auf das, was schon gut läuft.

Also: Weniger To-do-Stress, mehr echtes Reflektieren.

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