Der Barnum-Effekt – Warum sich Persönlichkeitstests oft verblüffend treffend anfühlen

„Ja, das beschreibt mich gut.“ – Ein Gedanke, den vielen nach einem Persönlichkeitstest haben. Ob der Myers-Briggs-Typenindikator (MBTI), die Inneren Antreiber oder das Riemann-Thomann-Modell – die Ergebnisse dieser Tests wirken oft erstaunlich präzise. Doch genau hier setzt ein psychologischer Trick ein: der Barnum-Effekt.

Was steckt hinter dem Barnum-Effekt?

Der Barnum-Effekt beschreibt unsere Tendenz, vage und allgemeingültige Aussagen als sehr persönlich und zutreffend zu empfinden. Benannt ist er nach dem amerikanischen Showman P.T. Barnum, der Menschen mit geschickt formulierten, universellen Aussagen faszinierte. Ein Klassiker wäre: „Du bist manchmal unsicher, wirkst nach außen aber selbstbewusst.“ Solche Aussagen treffen auf fast jeden zu – und genau deshalb erscheinen sie so treffend.

Psycholog*innen haben in Experimenten immer wieder gezeigt, wie leicht Menschen auf den Barnum-Effekt hereinfallen. Ein bekanntes Beispiel ist ein Versuch, bei dem alle Teilnehmenden dieselbe Beschreibung ihrer Persönlichkeit erhielten – und dennoch fast alle glaubten, dass diese speziell auf sie zugeschnitten sei. Dieses Phänomen zeigt, wie sehr wir uns durch allgemeingültige Formulierungen beeinflussen lassen.

Der Barnum-Effekt im Myers-Briggs-Typenindikator

Wie passt das nun zum MBTI? Ganz einfach: Die Typenbeschreibungen sind so formuliert, dass sich möglichst viele Menschen darin wiederfinden. Wer als „INFJ“ eingestuft wird, liest über sich: „introvertiert, idealistisch, empfindsam und zielorientiert“. Klingt präzise, ist aber so weiterhin allgemein gehalten, dass es auf viele zutreffen kann.

Studien zeigen, dass wir die Ergebnisse eines Tests glaubwürdiger finden, wenn sie aus einem scheinbar fundierten Verfahren stammen – selbst wenn sie rein zufällig oder sehr allgemein formuliert sind. Genau das macht den Barnum-Effekt so wirkungsvoll. Hinzu kommt, dass viele Menschen gerne glauben, dass sie einer besonderen, seltenen Persönlichkeitstypologie angehören, was den Effekt zusätzlich verstärkt.

Der Barnum-Effekt bei den Inneren Antreibern und dem Riemann-Thomann-Modell

Auch andere beliebte Modelle sind davon betroffen. Die Inneren Antreiber liefern Aussagen wie: „Du möchtest es immer perfekt machen“ oder „Es ist dir wichtig, es allen recht zu machen“. Diese Beschreibungen sind bewusst so gestaltet, dass sie bei vielen Menschen eine Resonanz erzeugen.

Das Riemann-Thomann-Modell beschreibt Persönlichkeiten anhand der Dimensionen Nähe, Distanz, Dauer und Wechsel. Auch hier sind die Beschreibungen so allgemein, dass sich fast jeder darin wiederfindet – ein klassischer Fall für den Barnum-Effekt. Besonders in Trainings- oder Workshop-Situationen kann es daher passieren, dass sich Menschen durch diese Modelle stark bestätigt fühlen, obwohl die Aussagen in Wirklichkeit sehr weit gefasst sind.

Warum ist das problematisch?

Der Barnum-Effekt sorgt dafür, dass wir solche Tests als viel präziser und wissenschaftlich fundierter wahrnehmen, als sie tatsächlich sind. Gerade im beruflichen Umfeld, wo sie oft zur Teamentwicklung oder Selbsteinschätzung genutzt werden, kann das problematisch sein. Die Gefahr: Menschen werden in starre Kategorien gepackt, die nicht wirklich ihrer Persönlichkeit entsprechen. Persönlichkeiten sind in der Regel nämlich viel vielschichtiger als Modelle es hergeben.

Ganz plakativ: Es gibt ca. 8 Milliarden Menschen auf der Welt — diese sollen alle in die nur 16 Typen des MBTI eingeordnet werden können?! Ich weiß ja nicht.

Besonders problematisch wird es, wenn solche Tests als Entscheidungsgrundlage herangezogen werden, etwa im Recruiting oder bei der Personalentwicklung. Wer sich ausschließlich auf diese Modelle verlässt, riskiert Fehleinschätzungen, da Persönlichkeiten weitaus komplexer sind als das, was ein einfacher Test erfassen kann.

Was heißt das für uns?

Persönlichkeitstests können durchaus wertvolle Impulse liefern, aber nur, wenn wir sie als das sehen, was sie sind: Gesprächsanreize und Reflexionshilfen, keine echten psychologischen Analysen. Sie können dabei helfen, sich selbst und andere besser zu verstehen, sollten aber niemals als Entscheidungsgrundlage in Assessments dienen.

Gerade im Recruiting oder bei der Teamzusammenstellung wäre es fatal, Menschen aufgrund eines solchen Tests in „passend“ oder „nicht passend“ einzuteilen. Der Grund: Die meisten dieser Tests sind nicht wissenschaftlich fundiert und können deshalb keine belastbaren Aussagen über Eignung oder Zusammenarbeit machen. Zudem beeinflusst das Setting die Antworten stark – etwa durch soziale Erwünschtheit oder situative Faktoren. Menschen neigen dazu, sich in Tests so darzustellen, wie sie glauben, dass es erwartet wird: was die Ergebnisse weiter verfälschen kann.

Ein weiteres Problem ist, dass solche Tests oft eine Art selbsterfüllende Prophezeiung auslösen. Wenn jemand beispielsweise als „dominant“ oder „kreativ“ eingestuft wird, kann das dazu führen, dass er oder sie sich künftig stärker in diese Richtung verhält – selbst wenn die Testaussage ursprünglich gar nicht so treffend war.


Der Barnum-Effekt zeigt uns, dass die vermeintliche Präzision dieser Tests oft auf geschickter Wortwahl und Allgemeinplätzen basiert. Deshalb ist ein kritischer Blick essenziell: Nutzen wir diese Modelle als Ausgangspunkt für Gespräche und Reflexion – aber nicht als starre Wahrheiten. Denn am Ende zählt nicht das Testergebnis, sondern die bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit und den individuellen Entwicklungsfeldern.

Persönlichkeitstests sind spannend und können eine gute Grundlage für Selbstreflexion und Austausch sein. Doch sie ersetzen keine fundierte psychologische Analyse (die wir in der Teamentwicklung widerrum nicht brauchen). Wer sie nutzt, sollte sich bewusst machen, dass viele der vermeintlich präzisen Beschreibungen auf allgemeinen Aussagen basieren, die für die meisten Menschen zutreffen.

Vor allem in beruflichen Kontexten ist es wichtig, diese Tests nicht überzubewerten und keine weitreichenden Entscheidungen auf Basis fragwürdiger Methoden zu treffen. Denn letztendlich sind Menschen weitaus komplexer, als es ein kurzer Test jemals erfassen könnte.

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