Feedbackkultur? Aber klar.
Zunächst einmal sollten wir klarstellen: Jede Organisation hat eine Feedbackkultur. Der Wunsch nach einer Feedbackkultur an sich greift also zu kurz. Denn auch “wir ignorieren alles und geben uns gar kein Feedback”, “wir reden lieber hinter dem Rücken als Sachen direkt anzusprechen” oder “wir werden gerne mal unangenehm laut und destruktiv” sind Feedbackkulturen. Sicherlich, so hoffe ich, keine erwünscht und gezielt angelegten, aber sie sind welche.
Klar, wenn der Wunsch nach einer Feedbackkultur laut wird, dann ist etwas anderes gemeint. Es ist eine Kultur gemeint, in der konstruktives Feedback gegeben wird, in der Fehler nicht vertuscht oder übergangen werden, sondern aus ihnen gelernt wird, und in der auch die Art der Kommunikation und persönliche Weiterentwicklung Raum finden.
Was genau meinen wir?
Ein wichtiger Schritt in eine gemeinsame konstruktive Feedbackkultur sollte genau aus dieser Frage bestehen: Was genau meinen wir eigentlich? Wie stellen wir uns unsere hilfreiche Feedbackkultur vor? Wie viel persönliche Weiterentwicklung wollen wir innerhalb des Feedbacks? Wie viel Fokus auf fachliche Themen wollen wir haben? Und wollen wir, dass Feedback auch hierarchieübergreifend gegeben wird? Diese Fragen mögen dem einen oder der anderen lapidar vorkommen. Sie können aber dabei helfen, dass allen Beteiligten klar wird, worum es in der Diskussion der Feedbackkultur eigentlich genau geht. Dabei gilt wie immer: Machen ist besser als planen. Es braucht nicht die eine Antwort auf alle Fragen bevor aktiv Feedback gegeben wird. Aber die Fragen sollten in regelmäßigen Abständen wieder auf den Tisch, um die Ausrichtung der Feedbackkultur zu hinterfragen und anzupassen.
Konstruktive Feedbackkultur: Einfach mal anfangen
Bevor ihr euch in der Planung eurer Feedbackkultur verliert und mehr Papier als aktives Feedback produziert, sage ich ganz klar: Einfach mal anfangen. Mit den obigen Fragen im Kopf etabliert ihr regelmäßige Feedbacksitzungen. Ganz konkret könnte das z. B. so aussehen:
Alle drei Monate werden persönliche Feedbackgespräche zwischen der Führungskraft und jeweils zwei Teammitgliedern durchgeführt. Diese Dreierkonstellation fördert eine offene, mehrperspektivische Diskussion und vermindert das Gefühl einer hierarchischen Bewertung. Dabei wird Feedback in alle Richtungen gegeben und aus allen Richtungen erhalten. Die Konstellationen sollten hierbei durchaus wechseln, um die Perspektiven zu erweitern.
Für dieses Format braucht es nur zwei Regeln:
Alle Beteiligten bereiten sich auf das Gespräch vor, indem sie konkrete Beispiele für besprochene Leistungen und Verhaltensweisen sammeln.
Alle Beteiligten benennen einen positiven Punkt und einen kritisch-konstruktiven Punkt im Feedbackgespräch in jede Richtung.
Förderung der Feedback-Kompetenz
Zur Unterstützung der Feedback-Kompetenz werden Feedback-Trainings durchgeführt, die sich auf effektive Feedbacktechniken konzentrieren. Alle erhalten so die Möglichkeit, das Geben und Nehmen von Feedback in einem gesteuerten und geschützten Rahmen zu üben. Diese Übungen machen das reguläre Quartals-Feedback Schritt für Schritt etwas einfacher.
3W-Feedback
Das 3W-Feedback ist eine etablierte Methode, um unkompliziert sowohl positives als auch kritisch-konstruktives Feedback zu formulieren: Wahrnehmung, Wirkung und Wunsch.
Wahrnehmung: Ich habe wahrgenommen …, In meiner Wahrnehmung …, Nach meinem Eindruck …, Ich habe den Eindruck …
Wirkung: Das macht mit mir …, Das löst in mir …, Dabei fühle ich mich …
Wunsch: Ich wünsche mir …, Ich hätte gerne …, Ich fände es gut …
Das 3W-Feedback gibt eine Struktur vor, die es Feedbackgebenden erleichtert, in den Ich-Botschaften zu bleiben und insbesondere bei kritischen Punkten nicht in Vorwürfe zu verfallen. Feedbacknehmenden hilft das 3W-Feedback dabei, die Wirkung auf das Gegenüber zu verstehen und so das Feedback zumindest erst einmal aufnehmen zu können.
Feedback aufnehmen
Wir alle haben irgendwann einmal gehört, dass ein Feedback ein Geschenk ist. So doof das klingt, sage ich gern: Das stimmt. Aber nicht jedes Geschenk gefällt mir und ich muss auch nicht jedes Geschenk annehmen und behalten. Das gleiche gilt für Feedback. Konstruktiv formuliertes Feedback gilt es zu hören, aufzunehmen und es sorgsam zu reflektieren. Das heißt aber noch lange nicht, dass jeder Wunsch oder jedes Anliegen vom Gegenüber auch erfüllt werden muss. Es darf Feedbacks geben, die vom Feedbacknehmenden nach sorgsamer Überlegung verworfen werden. Entscheidend ist, dass sich diese Person mit dem Anliegen des Gegenübers tatsächlich auseinandergesetzt hat. Hierfür kann es hilfreich sein, zusätzliche Regeln festzulegen, wie z. B. “Eine Antwort auf das Feedback darf erst nach 24 Stunden erfolgen”. Insbesondere dann, wenn sonst die spontanen emotionalen Reaktionen die Reflexion überlagern.
Überprüfung der Feedbackkultur
Die oben genannten Fragen zur Feedbackkultur zu beantworten ist keine einmalige Aufgabe. Im Gegenteil: Die Antworten ergeben sich häufig erst aus dem Tun, sollten aber nicht vergessen werden. Aus diesem Grund ist es empfehlenswert, in regelmäßigen Abständen Feedback zum Feedback einzuholen und gemeinsam zu schauen: Was funktioniert in den Feedbackgesprächen gerade sehr gut? Was fehlt uns? Was wollen wir einmal anders probieren? Die Entwicklung einer Feedbackkultur ist ebenso dynamisch wie eine Teamkultur, deshalb sollte sich die Kultur immer den Notwendigkeiten im Team anpassen.
Feedback im Alltag
Nach mehreren Durchläufen und ersten Erfolgserlebnissen geht Feedback in der Regel in den Alltag über. Die Beteiligten merken immer mehr, dass es okay ist, auch unangenehme Themen auf angemessene Art und Weise anzusprechen. Passiert dies nicht von allein, kann es ebenso helfen, bei der Überprüfung der Feedbackkultur darüber zu sprechen, oder Feedback in Alltagssituationen aktiv einzufordern — außerhalb des Feedbackgesprächs.
Fazit
Eine echte konstruktive Feedbackkultur stärkt das Vertrauen und die Zusammenarbeit zwischen Teammitgliedern. Die konsequente Umsetzung erfordert Mut, durch sie kann aber eine Umgebung erschaffen werden, in der offenes und ehrliches Feedback zur Norm wird und alle Beteiligten davon profitieren.