Professionell kommunizieren heißt nicht, so zu tun, als gäbe es nur die Sachebene
„Wir sind doch alle professionell genug, um auf der Sachebene zu kommunizieren.“
Ein Satz, der in vielen Teams und Organisationen fällt – oft mit einem leicht genervten Unterton. Dahinter steckt ein Anspruch: Wir reden vernünftig, sachlich, ergebnisorientiert. Klingt gut. Ist aber in der Realität meistens eine Illusion.
Denn: Kommunikation ist nie nur sachlich. Und genau das zu übersehen, ist alles andere als professionell.
Die Sachebene ist nur ein Teil der Geschichte
Wir kommunizieren immer auf mehreren Ebenen gleichzeitig – das hat Friedemann Schulz von Thun schon in den 1980ern mit seinem Kommunikationsquadrat aufgezeigt. Neben dem Sachinhalt senden wir auch immer:
Appelle: Was ich will, dass du tust.
Selbstoffenbarungen: Was ich von mir preisgebe.
Beziehungsbotschaften: Wie ich zu dir stehe – bewusst oder unbewusst.
Wer versucht, all diese Ebenen auszublenden, verschiebt die Kommunikation in eine Scheinwelt. Es klingt dann vielleicht sachlich – wirkt aber oft kalt, distanziert oder sogar verletzend. Und: Es entstehen Missverständnisse, die niemand offen anspricht, weil ja alle „professionell“ bleiben wollen.
Aufrichtig ist das neue professionell
Echte Professionalität zeigt sich nicht darin, wie gut wir unsere Gefühle unterdrücken oder Konflikte umschiffen. Sondern darin, wie offen wir mit dem umgehen, was mitschwingt.
Ein Beispiel aus dem Alltag:
Person A sagt: „Ich glaube, das ist keine gute Idee.“ Person B spürt: „Das fühlt sich an wie ein Angriff auf meinen Vorschlag.“
Und statt in Abwehr zu gehen, sagt B:
„Ich merke, dass ich das gerade als Kritik an meiner Arbeit höre. Können wir kurz klären, wie du das meinst?“
Dieser Moment ist Gold wert. Denn jetzt wird nicht nur über das Was gesprochen, sondern auch über das Wie. Und das schafft Verbindung – nicht Abstand.
Der Preis des "So-tun-als-ob"
Wenn Teams dauerhaft so tun, als gäbe es nur die Sachebene, wird Kommunikation anstrengend. Menschen ziehen sich zurück, gehen in innere Widerstände oder verstecken sich hinter Floskeln. Es wird gesprochen – aber nichts geklärt. Die berühmte Meeting-Müdigkeit ist oft ein Symptom genau dafür.
Je mehr wir versuchen, Beziehung und Emotionen aus der Kommunikation zu verbannen, desto weniger Klarheit bleibt auf der Sachebene übrig.
Was Teams jetzt tun können
Sprache geben: Gefühle und Wahrnehmungen dürfen benannt werden – ohne dass daraus sofort ein Drama wird.
Metakommunikation üben: Sätze wie „Lass uns kurz über unser Gespräch reden“ sind Türöffner für echtes Verstehen.
Raum schaffen: In Retros, Teamzeiten oder 1:1s bewusst auch Platz für Beziehung und Stimmung machen.
Professionell ist, wer ganz kommuniziert
Wirklich professionelle Kommunikation bedeutet, dass ich in der Lage bin, alle Ebenen wahrzunehmen und anzusprechen – ohne Angst, Schwäche oder Konflikt.
Denn nur wenn alles gesagt werden darf, wird das gesagt, was zählt.