Die Realität einer Feedbackkultur

Lasst uns eines klarstellen: Jede Organisation hat eine Feedbackkultur. Der bloße Wunsch nach einer solchen Kultur greift daher zu kurz. Selbst Einstellungen wie "wir ignorieren alles und geben kein Feedback", "wir reden lieber hinter dem Rücken" oder "wir werden unangenehm laut und destruktiv" sind Formen von Feedbackkultur. Diese sind sicherlich weder erwünscht noch ideal, aber sie existieren.

Wenn der Ruf nach einer Feedbackkultur laut wird, ist meist eine Kultur des konstruktiven Feedbacks gemeint. Eine Kultur, in der aus Fehlern gelernt wird und Kommunikation sowie persönliche Weiterentwicklung einen festen Platz haben.

Was bedeutet konstruktive Feedbackkultur?

Ein erster Schritt auf dem Weg zu einer konstruktiven Feedbackkultur ist die Frage: Was genau meinst du damit? Wie stellst du dir eine hilfreiche Feedbackkultur vor? Welche Rolle soll persönliche Weiterentwicklung im Feedbackprozess spielen? Soll Feedback hierarchieübergreifend gegeben werden? Diese Fragen mögen banal erscheinen, sind aber essenziell, um klar zu definieren, worum es eigentlich geht. Dabei gilt: Machen ist besser als planen. Ihr müsst nicht auf jede Frage eine Antwort haben, bevor ihr mit dem Feedback beginnt. Aber die Fragen sollten regelmäßig auf den Tisch, um die Ausrichtung der Feedbackkultur zu hinterfragen und anzupassen.

Einfach loslegen

Bevor ihr euch in der Planung verliert und mehr Papier als aktives Feedback produziert, sage ich ganz klar: Fangt einfach an. Mit den obigen Fragen im Kopf könnt ihr regelmäßige Feedbacksitzungen etablieren. So könnte es konkret aussehen:

Alle drei Monate werden persönliche Feedbackgespräche zwischen der Führungskraft und zwei Teammitgliedern durchgeführt. Diese Dreierkonstellation fördert eine offene, vielschichtige Diskussion und mindert das Gefühl einer hierarchischen Bewertung. Feedback wird in alle Richtungen gegeben und empfangen. Dabei sollten die Konstellationen wechseln, um die Perspektiven zu erweitern.

Für dieses Format gibt es nur zwei Regeln:

1. Alle Beteiligten bereiten sich auf das Gespräch vor und sammeln konkrete Beispiele für besprochene Leistungen und Verhaltensweisen.

2. Jeder nennt im Feedbackgespräch einen positiven Punkt und einen kritisch-konstruktiven Punkt in jede Richtung.

Förderung der Feedback-Kompetenz

Um die Feedback-Kompetenz zu stärken, sind Feedback-Trainings sinnvoll, die sich auf effektive Feedbacktechniken konzentrieren. Ihr erhaltet so die Möglichkeit, das Geben und Nehmen von Feedback in einem sicheren Rahmen zu üben. Diese Übungen erleichtern das reguläre Quartals-Feedback Schritt für Schritt.

3W-Feedback

Das 3W-Feedback ist eine bewährte Methode, um positives und kritisch-konstruktives Feedback zu formulieren: Wahrnehmung, Wirkung und Wunsch.

  • Wahrnehmung: Ich habe wahrgenommen ..., In meiner Wahrnehmung ..., Nach meinem Eindruck ..., Ich habe den Eindruck ...

  • Wirkung: Das macht mit mir ..., Das löst in mir ..., Dabei fühle ich mich ...

  • Wunsch: Ich wünsche mir ..., Ich hätte gerne ..., Ich fände es gut ...

Das 3W-Feedback bietet eine Struktur, die es erleichtert, in Ich-Botschaften zu bleiben und bei kritischen Punkten nicht in Vorwürfe zu verfallen. Es hilft den Empfänger*innen, die Wirkung auf das Gegenüber zu verstehen und das Feedback aufzunehmen.

Feedback annehmen

Wir alle haben schon gehört, dass Feedback ein Geschenk ist. So seltsam es klingt, es stimmt. Aber nicht jedes Geschenk gefällt uns, und wir müssen es nicht annehmen oder behalten. Dasselbe gilt für Feedback. Konstruktiv formuliertes Feedback solltest du hören, aufnehmen und sorgfältig reflektieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Wunsch oder jedes Anliegen erfüllt werden muss. Es darf Feedbacks geben, die nach sorgfältiger Überlegung verworfen werden. Wichtig ist, dass du dich mit dem Anliegen des Gegenübers auseinandergesetzt hast. Zusätzliche Regeln wie "eine Antwort auf das Feedback darf erst nach 24 Stunden erfolgen" können helfen, um spontane emotionale Reaktionen zu vermeiden.

Überprüfung der Feedbackkultur

Die oben genannten Fragen zur Feedbackkultur zu beantworten, ist keine einmalige Aufgabe. Häufig ergeben sich die Antworten erst aus der Praxis. Deshalb ist es ratsam, regelmäßig Feedback zum Feedback einzuholen und gemeinsam zu überprüfen: Was funktioniert gerade gut? Was fehlt uns? Was wollen wir anders probieren? Die Entwicklung einer Feedbackkultur ist ebenso dynamisch wie eine Teamkultur und sollte sich den Notwendigkeiten in der Organisation anpassen.

Feedback im Alltag integrieren

Nach mehreren Durchläufen und ersten Erfolgserlebnissen wird Feedback oft zum Teil des Alltags. Ihr werdet merken, dass es in Ordnung ist, auch unangenehme Themen angemessen anzusprechen. Falls dies nicht von allein geschieht, kann es helfen, bei der Überprüfung der Feedbackkultur darüber zu sprechen oder Feedback in Alltagssituationen aktiv einzufordern — auch außerhalb formeller Feedbackgespräche.


Eine echte konstruktive Feedbackkultur stärkt das Vertrauen und die Zusammenarbeit im Team. Die konsequente Umsetzung erfordert Mut, kann aber eine Umgebung schaffen, in der offenes und ehrliches Feedback zur Norm wird und alle Beteiligten davon profitieren.


Wollt ihr mehr über konstruktive Kommunikation lernen? In unserem Team-Workshop “Konstruktive Kommunikation” könnt ihr eure Kommunikationsfähigkeiten im Team verbessern, indem ihr eine offene, wertschätzende Gesprächskultur etabliert.

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